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  • carolin rebmann

Das Bauchgefühl

Aktualisiert: 12. Dez. 2022


Jeder hat es, aber immer mehr Menschen verlieren die Fähigkeit, sich darauf zu verlassen: Das Bauchgefühl. Dabei hilft es eindeutig mehr als dass es schadet und es stellt eine wichtige und schnelle Entscheidungshilfe in einem verkopften Dasein dar. Ein Loblied auf das Bauchgefühl.






Es löst gute oder schlechte Empfindungen aus, es ist mal stärker, mal schwächer, mal bestimmt es Entscheidungen, mal fordert es uns zum Handeln auf, mal lässt es uns zögern. Unser Bauchgefühl kann Kompass und Wegweiser sein und steht für eine elementare Verbindung zu unserem Innenleben. Das Bauchgefühl speist sich aus unseren Vorerfahrungen, gespeicherten Eindrücken und Erlebtem, aus dem, was uns widerfahren, aber nicht immer bewusst ist. Und so bleibt es oft rational unerklärlich, warum wir in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Bauchgefühl entwickeln, zu manchen Menschen, obwohl wir sie nicht kennen, bestimmte Empfindungen haben oder sogar aus teilweise starken Vorahnungen aus dem Bauch heraus die Zukunft zeichnen.


Das Bauchgefühl- was ist das überhaupt genau? Üblicherweise würde ich nun an dieser Stelle Definitionen, wissenschaftliche Erkenntnisse und aktuelle Studienergebnisse präsentieren, um dem Text eine fundiert recherchierte Tiefe und mir eine passende Expertise zu verleihen. Aber ich sehe es überhaupt nicht ein, einen Text über Bauchgefühl zu schreiben und ihn dann rational berechnend, man könnte auch sagen, total verkopft, in die Welt zu tragen. Also muss dieser Text ohne Wissenschaft auskommen und eher auf meinen Eindrücken, Beobachtungen und eigenen Erfahrungen beruhen.


Nur so viel zur theoretischen Erklärung: Das Bauchgefühl wird häufig mit Intuition gleichgesetzt. Der Duden beschreibt Intuition als „das unmittelbare, nicht diskursive, nicht auf Reflexion beruhende Erkennen, Erfassen eines Sachverhalts oder eines komplizierten Vorgangs“ und auch als „Eingebung, [plötzliches] ahnendes Erfassen“.


Diese Definitionen zeigen, um was es geht. Unsere Intuition, das Bauchgefühl, ist direkt, unmittelbar, bedarf keinem Vorgang der Reflexion und ist deshalb sehr schnell. Interessant ist dabei, dass das Wort Intuition von mittellateinisch intuitio „unmittelbare Anschauung“ und lateinisch intueri „genau hinsehen, anschauen“ abgeleitet wurde. Denn im Grunde passiert das Gegenteil: wir schauen nicht genau hin, sondern nehmen eine bestimmte körperliche Empfindung wahr – und diese ist immer schon da, bevor der Kopf hinsieht und denkt.


Das macht offensichtlich, was das Gute an unserem Bauchgefühl ist. Es ist schnell, eindeutig und herrlich subjektiv. Auf dieser Basis lassen sich viele Entscheidungen ganz einfach, aus dem Bauch heraus treffen ohne dass wir lange und unbefriedigende Plus und Minus- Listen anfertigen müssen. Da das Bauchgefühl mit unserem bisherigen Leben und wie wir es verbracht haben, verknüpft ist, hat es eine Verlässlichkeit und Beständigkeit. Bei positiven Ereignissen werden wir ein gutes Bauchgefühl abspeichern, wenn wir schon einmal in eine sehr missglückte Lage hineinkamen, wird uns unsere Intuition bei ähnlichen Situationen davor warnen. Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse – all das finden wir in unserem Bauchgefühl wieder. Nicht zu verwechseln ist das Bauchgefühl, die Intuition, mit Triggern, die zum Beispiel Ängste auslösen. Wenn es bestimmte Auslöser gibt, die wiederum spezielle Verhaltensmuster oder innere Vorgänge in Gang setzen, ist damit nicht das Gleiche gemeint, wie mit einem gesunden Bauchgefühl. Beides beruht zwar auf Erfahrungen und Erlerntem, aber Trigger sind verknüpft mit häufig negativen Erlebnissen, die unser Verhalten (oft unbewusst) steuern oder uns veranlassen, bestimmte Strategien anzuwenden. Trigger bringen uns wieder und wieder in ähnliche Situationen oder zwingen uns dazu, ähnliches Verhalten zu zeigen. Trigger haben einen starken Rückbezug. Das Bauchgefühl hingegen bezieht sich auf das Neue. Die Intuition öffnet sich und uns den Weg ins Unbekannte. Wir haben dann bestimmte Empfindungen oder das Gefühl, bereits etwas zu wissen, obwohl wir es ja nicht wissen (können), sondern fühlen.


Dieses Wissen, das uns intuitiv leiten kann, wird von manchen Menschen als innere Stimme oder Flüstern der Seele beschrieben. Und leider ist das auch die Herausforderung: Selten schreit unsere Seele (wenn sie schreit, ist es meistens kein gutes Zeichen und häufig sind wir dann bereits erkrankt), meistens spricht die Seele leise oder flüstert sogar. Das ist ein Grund, warum es vielen Menschen so schwerfällt, auf ihren Bauch zu hören. Denn die Welt da draußen ist laut. Noch dazu haben wir Menschen es (mühevoll) gelernt, unseren Kopf einzusetzen. Rational abgewogene Entscheidungen fühlen sich besser an, denn sie vermitteln das Gefühl von Sicherheit. Nicht umsonst sprechen wir von dem gesunden Menschenverstand und das hört sich eben gesund und gut an. Zugegeben: Es gibt eine Reihe von Entscheidungen oder Situationen, in den es hilfreich sein könnte, den Kopf miteinzubeziehen. Aber bedeutet das, das Bauchgefühl auszuschalten? Im Idealfall stellen sie eine Einheit oder eine Ergänzung dar. Und sollten Bauchgefühl und Kopf doch einmal stark voneinander abweichen?


Dann ist es umso wichtiger, den Kontakt zu sich und zu seinem Innenleben, seinem Flüstern, seiner Seele zu suchen. Dies gelingt am besten durch Körperlichkeit. Kopf-frei-kriegen heißt es dann. Mit der Natur und mit sich in Berührung kommen, Hände in die Erde stecken. Barfuß laufen. Das Plätschern des Bachs wahrnehmen, den Duft der Wälder aufsaugen. Oder etwas Gestalten, in Papierform, aus Ton, mit Farben. Musik hören oder selbst ein Instrument in die Hand nehmen, achtsam essen und genießen, Yoga- und Atemübungen machen. Sich Tagträumen hingeben, dem Kaminfeuer zuschauen, Schneemann bauen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich aus dem rational dominanten Zustand in eine gefühlsbetonte Phase zu begeben. All diese Möglichkeiten brauchen nicht viel, aber Zeit und die Fähigkeit, sich selbst ein wenig hingeben und unter Umständen etwas Kontrolle abgeben zu wollen. Wenigstens für einen kurzen Moment. Aber es lohnt sich: In dieser kopflosen Phase werden kreative Lösungen geboren und das Bauchgefühl gestärkt. Danach gilt es selbst zu überprüfen, auf welchen Überzeugen und Glaubenssätzen das Rationale beruht und warum es dem eigenen Bauchgefühl ggf. widerspricht. Und vielleicht entscheidet man dann, dass es an der Zeit ist, Dinge anders zu machen und einfach mal auf seinen Bauch zu hören.


Was dabei vielleicht Mut macht: Ich höre in meiner Coaching-Praxis und im Freundeskreis eindeutig viel häufiger, dass Menschen es bereuen, nicht auf ihren Bauch gehört zu haben als anders herum. Die Mehrheit der Menschen, die ihrem Bauchgefühl Beachtung schenken, leben ausgeglichen und zufrieden. Und wenn Menschen ihrer Intuition folgen und danach das Gefühl haben, einen Fehler gemacht zu haben, sehen sie meistens trotzdem einen Sinn darin und haben das Vertrauen in sich und das Leben, dass es am Ende trotzdem gut wird – was und wie auch immer. Die Gelassenheit, das Vertrauen ist nachvollziehbar, denn hier stimmt die Verbindung zum inneren Kern – und er ist viel weniger anfällig für gesellschaftliche Konventionen, vorgefertigte Meinungen und scheinbar „vernünftige“, aber nicht individuell passende Lösungen. Unsere innere Stimme ist häufig leise, aber sie meint es gut mit uns und wir können sie mit ein bisschen Zeit und Aufmerksamkeit deutlich hörbar werden lassen.


Kann sein, dass ich morgen bereue, diesen Text rein intuitiv geschrieben und nicht wissenschaftlich fundiert aufbereitet zu haben. Aber dann vertraue ich einfach darauf, dass es so sein sollte

…oder zur Not: schreib ich einen zweiten – fachlich orientierten – Teil!









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