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  • carolin rebmann

Warum Schreiben hilft


Schreiben ist wohltuend, wirkt befreiend und hilft, mit belastenden Situationen umzugehen. Diese Effekte sind wissenschaftlich belegt. Als einfache und sehr wirksame Methode gewinnt das Schreiben auch im deutschsprachigen Raum immer mehr an Bedeutung: Nicht nur im therapeutischen Kontext, auch als Coaching-Werkzeug, zur Persönlichkeitsentwicklung oder Achtsamkeitsförderung werden Schreib-Übungen bewusst eingesetzt.

Schreiben hilft, ob allein oder in der Gruppe

Das Schreiben als heilende und (selbst)therapeutische Maßnahme existiert in verschiedenen Formen, die mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet werden. Bekannt sind u.a. die Schreibtherapie, das expressive, kreative oder autobiografische Schreiben. Wenn auch verschiedene Unterscheidungen vorgenommen werden können, haben doch alle Begriffe gemeinsam, dass das Schreiben vorwiegend zur Selbstreflexion eingesetzt wird und es immer darum geht, sich selbst auszudrücken, einen Schreibfluss zu erleben und aus den entstehenden Texten eventuell neue Erkenntnisse zu gewinnen.


Der Begriff des expressiven Schreibens kann auf den Psychologen James Pennebaker von der University of Texas zurückgeführt werden, der in den 1980ern das "expressive writing"als eine standardisierte Methode des heilsamen Schreibens begründete. Dabei wird an drei oder vier aufeinanderfolgenden Tagen für 15 bis 20 Minuten über ein belastendes Lebensereignis geschrieben.


Ich habe mich für den Begriff des expressiven Schreibens für meine Angebote entschieden, da der Aspekt des persönlichen Ausdrucks im Vordergrund steht. Es geht also nicht um ein literarisches Können, sondern um eine freie Ausdrucksweise. Das Schreiben wird dadurch zu einer spannenden und schönen Erfahrung, wenn die Teilnehmer/innen Texte produzieren, die sie häufig selbst überraschen. Mit Hilfe des Schreibens und im Austausch mit anderen gelangen sie zu anderen Blickwinkeln und neuen Aspekten. Am Ende ist das Ergebnis jedoch immer nur ein Teil des Gesamtprozesses und wird vom Schreibenden selbst gedeutet oder nicht.


Prof. Dr. med. Silke Heimes plädiert dafür, den Begriff der Poesietherapie - aus dem englischen poetry therapy entlehnt - als Standardbezeichnung und Oberbegriff einzuführen. Als Pionierin der Schreibtherapie in Deutschland und Leiterin des Instituts für kreatives und therapeutisches Schreiben setzt sie sich dafür ein, die Poesietherapie als Therapiemethode in die medizinischen Leitlinien aufnehmen zu lassen, damit sie bei den Krankenkassen als abrechnungsfähig gilt. Denn das Interesse seitens der Patienten und Klienten an expressiven Therapien, z.B. Musik-, Kunst- und Tanztherapie ist groß - und ihre hohe Wirksamkeit durch eine Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen belegt. Trotzdem finden alternative Behandlungsmethoden heutzutage immer noch zu wenig finanzielle Unterstützung bei den Krankenkassen, was der Verbreitung und Anerkennung als Therapiemethoden hinderlich ist.


Die Wirksamkeit des Schreibens lässt sich leicht selbst erfahren. Ob im Alltag als Erinnerungshilfe und zur Strukturierung (Einkaufsliste, To-Do-Liste), zum Verarbeiten eines traurigen oder belastenden Ereignisses (Trennung, Todesfall), als besondere Würdigung tiefer Gefühle (Liebesbrief) oder als Mittel, etwas vor dem Vergessen zu bewahren (Reisetagebuch) für sich und die Nachwelt – wer schreibt, kann nachvollziehen, dass das Schreiben etwas bewegt und bewirkt: Sei es der Prozess an sich wie oben beschrieben, der ein Bewusstsein über den Moment und eine geschärfte Wahrnehmung fördert oder die Tatsache, dass Tätigkeiten, die wir für eine längere Zeit mit voller Aufmerksamkeit ausüben (ab 15 Minuten) dazu führen, dass wir Glück empfinden (vgl. Prinzip Monotasking). Und letztlich das Schreibprodukt an sich, das uns auf ein Gefühl, ein Problem oder eine Lösung aufmerksam macht.


Aufgrund der guten Voraussetzungen (denn wir benötigen nur Stift und Papier) lässt sich das Schreiben hervorragend im Klinikalltag einsetzen. In Einzelsitzungen, meistens aber in Gruppen wird zur Unterstützung des Genesungs-oder Heilungsprozesses geschrieben: Bei verschiedenen Krankheitsbildern wie Krebs, Depression, Suchtkrankheiten u.v.m. zur Unterstützung der Trauerarbeit oder zur Verarbeitung traumatischer Ereignisse.

Anhand der wissenschaftlichen Untersuchungen im medizinischen Bereich können z.B. folgende positiven Effekte des Schreibens auf die körperliche und psychische Gesundheit zusammengefasst werden: Dazu gehören Abnahme der Arztbesuche, Verminderung negativer Stimmungen, Verbesserung der Selbstwirksamkeit, Förderung der sozialen Integration (vgl. Heimes 2012/ Warum Schreiben hilft). Heute werden, vor allem im Vorreiterland der Poesietherapie, den USA, große Anstrengungen unternommen, diese Wirksamkeitsnachweise weiter auszubauen. Sie sind auch für die Etablierung der Poesietherapie in Deutschland von großer Bedeutung.


Aber nicht nur im kranken Zustand ist Schreiben heilsam. Wie bereits erwähnt, lässt sich die positive Wirkung des Schreibens auch im Alltag, für die Sozial-, Kinder- und Jugendarbeit oder ganz allgemein zur Verbesserung des eigenen Zustands nutzen. In unterschiedlichen Kontexten kann Schreiben eine sehr nützliche Methode sein und demnach gezielt eingesetzt werden. Eine Studie zu diesem Thema wurde an der University of Toronto mit 700 Schülern durchgeführt, die in unterschiedliche Gruppen eingeteilt wurden. Dabei erhielt eine Gruppe die Aufgabe, Wünsche und Ziele für die Zukunft schriftlich zu formulieren. In den nächsten zwei Jahren stellte sich heraus, dass sich diese Schüler sehr positiv veränderten im Gegensatz zu denen in der Kontrollgruppe. Der Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg (dem Erreichen von Zielen) und dem Schreiben konnte in ähnlichen Studien nachgewiesen werden. Die Macht des geschriebenen Wortes scheint demnach sehr facettenreich und in vollem Ausmaß sogar schwierig zu erfassen.